Bürotomaten

Tomatenanbau hinter historischer Fensterfront

Tomatenanbau hinter historischer Fensterfront

Nein, Bürotomate ist kein neues Schimpfwort! Bürotomaten sind das, was ich letztes Jahr zum ersten Mal mit Unterstützung der Geschäftsleitung und meiner Bürokolleg/innen bei meinem Arbeitgeber gezogen habe (Ein Merci an Simu, Päscu, Johann, Claudia, Frank, Thömu und alle, die sonst noch mitgeholfen haben). Weil unser Büro vor langer Zeit einmal ein Fotostudio war, besitzt es eine grosszügige Glasfront gegen Norden. Und weil es sich um ein älteres Haus mit geschützter Fassade handelt, war an einen Ersatz der alten, energietechnisch mangelhaften Fenster nicht zu denken. Stattdessen zogen wir vor ein paar Jahren eine zweite, gut isolierte Fensterfront im Abstand von ca 60 cm ein. In diesem schmalen Zwischenfenster kümmerte seither ungeliebtes Grünzeug vor sich hin. Doch letztes Jahr hatte ich plötzlich die zündende Idee: Wir pflanzen Tomaten! Es war mir bewusst, dass das in einem nordseitigen Zwischenfenster ein Experiment mit unbekanntem Ausgang war. Aber Studien haben belegt, dass die Arbeitsproduktivität mit Pflanzen im Büro steigt (ein längerer Artikel mit Quellenangaben findet sich hier). Und Urban Gardening ist gerade ein Megatrend. Möglicherweise wird dieser Trend bald von den privaten Haushalten und den städtischen Quartiergemeinschaften in die Büros und Werkstätten der Arbeitswelt überschwappen. Und die Dynasoft AG war die Avantgarde!

Der bescheidene Start im Mai

Der bescheidene Start im Mai

Mit dem Segen unseres Geschäftsleiters besorgte ich Einkaufstaschen als Pflanzgefässe und mehrere 40-Liter-Säcke mit Bioerde und Kompost. Um Schäden am Boden zu vermeiden, bekam jeder Pflanzsack eine Plastikwanne als Untersetzer. Ausserdem hatte ein Kollege, der nebenberuflich noch Schafzüchter ist, ungewaschene Schafwolle als Einlage spendiert. Von dieser Schafwolle erhoffte ich mir, dass sie gleichzeitig als Wasserspeicher und Düngemittel dienen würde. Die Tomatenpflanzen hatte ich selbst zu Hause angezogen. Es waren zwei verschiedene rote Cherrytomaten, eine grüne Fleischtomate (die andernorts bereits erwähnte Aunt Ruby German Green) und eine gelbe Rundtomate. Später kam dann noch eine Berner Rose dazu, die ich geschenkt erhalten hatte. Anfangs Mai war es dann soweit. Acht Säcke wurden zuerst mit einer Schicht Erde, dann Schafwolle, darüber Kompost und abschliessend wieder Erde befüllt. In diese Mischung kamen dann die Pflänzchen. Auch hier kam Mischkultur zum Zuge: ich säte Kapuzinerkresse und Tagetes an oder bepflanzte manche Säcke später mit Petersilie oder Basilikum, alles Pflanzen, denen man einen günstigen Einfluss auf Tomaten nachsagt.

In diesem Zwischenfenster wuchsen die Tomaten

In diesem Zwischenfenster wachsen auch 2015 Tomaten

Bald schossen die Tomaten in unerwartete Höhen. Ob es an der Schafwolle lag? Oder doch eher an den Lichtverhältnissen? Eilig wurden Stangen besorgt und ein Drahtseil gespannt, um den Pflanzen Halt zu geben. Und tatsächlich, schon bald zeigten sich die ersten zartgelben Blüten. Und Ende Juni ernteten wir die ersten Cherry-Tomaten. Somit war dann klar: Doch, es ist möglich, in einem Zwischenfenster auf der Nordseite Cherry-Tomaten zu ziehen. Allerdings gelang das nur mit den Cherrytomaten und der gelben Rundtomate, für die Fleischtomate und die Berner Rose gab es wahrscheinlich doch zuwenig Licht. Eine einzige grüne Fleischomate erntete ich (aber die Sorte war auch auf meinem Balkon eher ertragsschwach). Und die Berner Rose, die ohnehin erst später dazugekommen war und nicht aus eigenem Anbau stammte, lieferte nur kränkliche, kleine Exemplare.

Neben den Lichtverhältnissen in einem Nordfenster verlangte auch die Bewässerung besondere Aufmerksamkeit, da am Wochenende ja niemand zum Giessen da war. Alles was grösser als eine Cherrytomate war, zeigte deshalb gelegentlich Blütenendfäule, was unter anderem ein Symptom für ungleichmässige Wasserzufuhr ist. Leider erst ab gegen Ende Saison installierte ich deshalb eine Bewässerung mit PET-Flaschen und Blumat-Zapfen.

Cherrytomaten reifen tatsächlich in Nordfenster

Cherrytomaten reifen tatsächlich in Nordfenster

Und die Cherrytomaten litten natürlich durch den Frassdruck der bipeden Räuber (sprich zweibeinigen, hungrigen oder naschhaften Mitarbeiter/innen). Aber genau dafür hatten wir sie ja gepflanzt.

Das ganze war so ein Spass, dass wir es auch 2015 wieder machen. Dieses Jahr läuft es auch schon viel professioneller: Material wie Säcke, Stangen und Drahtseil zum Aufbinden sind vorhanden. Ich weiss von Anfang an, dass ich 4 40-Liter Säcke Bioerde und 2 40-Liter-Säcke Kompost benötige. Dass Befüllen der Säcke erfolgt immer mit den gleichen Schichten: Erde – Schafwolle – Kompost – Erde. Ich setze die Pflänzchen nicht mehr gerade, sondern schräg ein, damit die Nährstoffaufnahme optimal erfolgt. Und jede Pflanze wird von Anfang an mit einem Stab und einer Blumat-Bewässerung versehen. Nun hoffen wir, dass das nasskalte Frühlingswetter endlich vorbei ist und die Cherrytomaten auch dieses Jahr gut gedeihen.

Cherrytomaten in ungewöhnlicher Grösse

Cherrytomaten in ungewöhnlicher Grösse

Vielleicht eine "Gelbe von Thun"? - unbekannte gelbe Rundtomate

Vielleicht eine “Gelbe von Thun”? Unbekannte gelbe Rundtomate

Rote Cherrytomaten

Rote Cherrytomaten mit unvergleichlich süssem Aroma

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